Kooperation zwischen Wirtschaft und Bundeswehr II
Mit dem start einer europaweiten Ausschreibung ist das bislang größten Privatisierungsprojekt der Bundeswehr angelaufen.Große Teile der Basislogistik sollen „privatwirtschaftliche Aktivitäten“ geöfnet werden – neben der Lagerhaltung auch den Transport von Waffen und Munition. Das Volumen beläuft sich auf ca. 800 Mio Euro, bei einer Laufzeit von zehn Jahren. Anfang des Jahres war noch von vier bis fünf Miliarden Euro die Rede.
Seit Ende der 90er Jahre werden von Berlin aus maßnahmen ergriffen die Privatisierungspläne für große Teile der Bundeswehr befördern. So sieht ein “ Rahmenvertrag“ vom 25. April 2000 vor: Aufgaben „die nicht zu den militärischen Kernfähigkeiten gehören“ von „gewinnorientierte Privatunternehmen“ übernehmen zu lassen. Im Bundeswehr-Weißbuch von 2006 heißt es „Kooperationen mit der Wirtschaft bei Serviceaufgaben bis hin zu einer völligen Entlastung von Aufgabenfeldern, die der private Sektor günstiger erbringen kann, werden weiterverfolgt“. Im Mai 2006 wurde im Verteidigungsministerium die Abteilung „Modernisierung“ geschaffen. Minister Jung hat Modernisierung und Entbürokratisierung der Bundeswehr zu einem Schwerpunkt der nächsten Jahre erklärt.
Geburtsstunde Die „rot-grüne“ Bundesregierung brachte die Privatisierung „großen Stils“ auf den Weg. Dem ersten „Rahmenvertrag Innovation, Investition und Wirtschaftlichkeit in der Bundeswehr“, 1999 von Schröder, Scharping sowie 100 Konzernvertretern unterzeichnet, schlossen sich in kurzer Zeit weitere 350 Unternehmen an. Neben dieser „Verpflichtung zur strategischen Partnerschaft“ gründete das Verteidigungsministerium die „Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb GmbH“ (g.e.b.b.). Sie als „Scharnier“ zwischen Ministerium und „Wirtschaft“ sorgte sich um die verprivatwirtschaftlichung jener nicht militärischen Bereiche, auf die immerhin über zehn Milliarden Euro jährlich aus dem Rüstungshaushalt entfallen: Versorgung mit Verpflegung, Bekleidung und Ausrüstung, Instandhaltung und Wartung von Waffen und Gerät, Verkehr und Transport, Informations- und Kommunikationstechnologien, Liegenschaften, z. T. auch Ausbildung um nur einige zu nennen.
Goldgräberstimmung erfaßte Unternehmen und Firmen. „Im Bereich Informationstechnologie wurde Ende 2006 das europaweit bisher größte Privatisierungsvorhaben unterzeichnet. Es trägt den Namen „Herkules“. Siemens und der US-Konzern IBM werden die Informations- und Kommunikationstechnik (außer Waffen und Feldführung) umfassend modernisieren und betreiben. Das Finanzvolumen beträgt 7,1 Mrd. Euro, verteilt über eine zehnjährige Laufzeit. Für Siemens – so ein Konzernsprecher – ist es der größte Auftrag in der 159jährigen Firmengeschichte.“ Quelle: „ROTFUCHS“ vom l. Juni 2007; Seiten 3 und 4 ;Dr. Dieter Hillebrenner, Oberst a. D. „Wie sich der Militärisch-industrielle Komplex der BRD die Bundeswehr unterordnet“
Die Pressemeldung der Bundeswehr zur Ausschreibung, vom 05. August 2008:
„Teilnahmewettbewerb für eine Öffentlich-Private Partnerschaft in der Logistik gestartet
Berlin, 05.08.2008, BMVg, Presse- und Informationsstab.
Nach Billigung der Ausschreibung einer kooperativen Durchführung von Teilbereichen der Basislogistik der Bundeswehr („Lagerhaltung & Distribution“) durch die Leitung, hat das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung am 30. Juli 2008 die Veröffentlichung des Aufrufs zur Bewerbung um Teilnahme am Verhandlungsverfahren im Internet veranlasst. Die Abgabefrist hierfür endet mit dem 8. September 2008; 24 Uhr. [...] Gegenstand der jetzt eingeleiteten Ausschreibung zur ÖPP „Lagerhaltung & Distribution“ sind ausgewählte Bereiche der Basislogistik:
1. Die Lagerung und Bewirtschaftung von Material der Bundeswehr (ohne Sanitätsmaterial, ohne Munition und ohne Betriebsstoffe) im Grundbetrieb in Deutschland (knapp 1,3 Mio. angelegte Versorgungsartikel, davon durchschnittlich 700.000 Artikel im Bestand) und
2. Transportleistungen für Material, Sanitätsmaterial, Munition, Betriebsstoffe und begleitendes Personal im Grundbetrieb in Deutschland (mehr als 11.000 zu beliefernde Dienststellen) sowie zwischen Deutschland und Dienststellen der Bundeswehr oder übender Truppe der Bundeswehr im Ausland.“
Zu den Interessenten zählen EADS, DHL, die Bahn AG mit ihrem Transportunternehmen Schenker und die Bertelsmann-Dienstleistungsfirma Arvato.
Von scharfen Konkurrenzkämpfen zwischen den Interessenten Deutsche Post und Deutsche Bahn war die Rede .
„Die Rivalitäten verdeutlichen, dass die Profitmöglichkeiten in der Kriegslogistik ein ganz gewöhnliches Geschäftsgebaren hervorrufen – den Kampf um die Aufträge sowie den Wunsch, die Aufträge zu steigern. Die kriegerischen oder kriegsnahen Handlungen des Militärs werden damit selbst zu gewinnbringenden Akten. Die Zahl und damit auch der Einfluss der Kriegsprofiteure nimmt über den Kreis der traditionellen Rüstungsindustrie hinaus zu.“
Heißt es in einem Bericht auf german-foreign-policy.com
Rohstoffsicherung und andere „Sachzwänge“
General Ueberschaer in einem Bericht von indymedia.org „Rund 6980 Soldaten sind derzeit rund um Globus stationiert – und wie es aussieht, dürften es in absehbarer Zeit eher mehr als weniger werden. Das bedeutet, dass neben dem Personal auch immer mehr Material in die oft tausende Kilometer entfernten Einsatzgebiete geschafft werden muss“ Der Bericht erkennnt das: „die Voraussetzungen geschaffen werden, weltweit Krieg zu führen, um Konzernen Zugang zu Märkten und Rohstoffen zu sichern.“
Nicht groß anders hört sich das bei Klaus-Peter Müller an. Dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Commerzbank, zufolge sind die deutschen Unternehmen auf die Armee angewiesen. Deswegen weil sie ihre Rohstoffzufuhr sichern müssen und zudem stammen über die Hälfte der weltweit produzierten metallischen Rohstoffe aus politisch instabilen Ländern. Müller fordert ausdrücklich „einen engeren Schulterschluss zwischen Politik, Bundeswehr und Wirtschaft“.
Als langjähriger Vorstandssprecher der Commerzbank, heute Aufsichtsratsvorsitzenden der Commerzbank und zugleich Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, debattierte er mit bei dem Treffen hundert hochrangiger Vertreter , aus großen wie mittelständischen Unternehmen, Bundestagsabgeordnete, Vertreter aus Ministerien sowie Generale und Admirale der Bundeswehr, die sich auf eine Einladung der Commerzbank und dem Bundesverteidigungsministerium zum so genannten „Celler Trialog“ am 4 und 5 Juni in Celle eingefunden hatten. Einer Tagung die sich, nach eigener Erklärung, um den Ausbau der Beziehungen zwischen Militär und Wirtschaft bemüht. Pressemitteilung des Bundesministerium der Verteidigung vom 05.06.2008
Doch weiter. Kurz gesagt: „Als rohstoffarmes, exportorientiertes Land ist Deutschland auf Stabilität und Sicherheit angewiesen. Darum brauchen wir Auslandseinsätze der Bundeswehr.“ So ließt es sich bei www.freitag.de „Vaterlandsverteidigung am Hindukusch zwecks Rohstoffgewinnung für die deutsche Wirtschaft, das ist nicht neu. Neu aber ist das öffentliche Bekenntnis aller beteiligten Interessen.“
Dr. Dieter Hillebrenner, Oberst a. D. im „ROTFUCHS“ sagt: „Die Privatisierung im militärischen Bereich“(…) „ist nicht allein aus den hohen Gewinnerwartungen der Konzerne zu erklären.“ Es gibt noch andere Kräfte in Politik, Wirtschaft und Militär andere „Sachzwänge“. (…) „Bei diesen Kräften handelt es sich um den Militär-Industrie-Komplex der BRD.“
Offiziell als „Transformation“ bezeichnet „vollzieht sich in der Bundeswehr der tiefgreifendste Wandlungsprozeß seit ihrer Aufstellung vor 50 Jahren.“ So Hillebrenner. Der Auftrag der Bundeswehr „Landesverteidigung, wie im Grundgesetz verankert“, sei „abgehakt“. „Heute steht an oberster Stelle, „die außenpolitische Handlungsfähigkeit Deutschlands zu sichern“ (Weißbuch 2006). Das erfordert eine weltweit einsatzfähige Interventionsarmee.“ Ein anderer „Sachzwang“ ist der „Prozeß der Internationalisierung und der europäischen Einigung“.
Hillebrenner: „Die Bundeswehr wird immer wieder als „Parlamentsarmee“ gelobt. Doch sie ist, wie der gesamte Sicherheitsbereich, einer wirksamen parlamentarischen Kontrolle weitgehend entzogen.“(…) „Weder gab es eine Grundgesetzänderung noch eine Art Bundeswehr-Privatisierungsgesetz. Die Zusammenarbeit zwischen Streitkräften und kapitalistischen Unternehmen beruht auf Entscheidungen des Verteidigungsministers. Jung betont immer wieder, daß die Privatisierung nicht den militärischen Kernbereich erfasse. Aber es fehlt eine Definition, was zivile und was militärische Aufgabenfelder sind. Fehlende gesetzliche Grundlagen und mangelnde parlamentarische Kontrolle leisten dem Vordringen von Konzernstrukturen in den militärischen Kernbereich Vorschub. Die Privatisierung in der Bundeswehr fördert die Gewichtsverlagerung vom Bundestag zur Bundesregierung. Diese Entmündigung nimmt die große Mehrheit der Abgeordneten billigend in Kauf.“ Und weiter:“Die Privatisierung von Aufgaben und Funktionen der Bundeswehr führt objektiv zu einem langfristigen Wandel im Verhältnis Bundestag und Bundeswehr mit erheblichen Konsequenzen für die Kontrolle dieses Gewaltinstruments. Selbst wenn Bundeswehreinsätze mit UN-Mandat erfolgen, fehlt jegliche demokratische Aufsicht. Denn der weitgehend von den imperialistischen Hauptmächten beherrschte Weltsicherheitsrat wird von keinem demokratisch legitimierten Organ überwacht. Es entsteht die permanente Gefahr, daß über die Bundeswehr und ihren Einsatz im In- und Ausland letztlich Kräfte des Militär-Industrie-Komplexes, also private Akteure im Bunde mit der NATO, entscheiden.“